Meinung ohne Wissen – wie man sich selbst und andere davor schützt

Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich mich als frischgebackene Hundehalterin schon überschätzt habe. Halbwissen verführt zum Klugscheißen. Der einzige Trost dabei ist, dass ich nicht allein bin.

Es geht uns allen so. Pünktlich zu jeder Weltmeisterschaft verwandelt sich ganz Deutschland in ein Land der Fußballexperten: Kaum einer, der nicht eine felsenfeste Meinung hat, warum dieser oder jener Spieler eine gute oder schlechte Wahl, diese oder jene Taktik die einzig richtige ist. Auch Autofahrer neigen dazu, sich selbst tendenziell für besser zu halten als andere und was man selbst als guten Gesang empfindet, kann sich für fremde Ohren wie Katzenjammer anhören.

Wenig amüsiert verfolge ich dasselbe Phänomen zum Beispiel in der Hundehaltung und -zucht: Die Zahl der „Experten“ in Sachen Hunde-Ernährung und -Beschäftigung, Tierschutz, Rassenerhaltung, gesunde Zucht und (Farb-) Genetik ist explodiert. Und jeder hat eine Meinung, die er voller Überzeugung und z. T. sehr emotional vertritt. Allerdings steht hinter dieser Meinung oft nur ein „gefühltes“ Wissen, welches auf einigen wenigen Informationen oder auch nur der eigenen Wahrnehmung beruht – ohne Rücksicht auf objektive Belege, Fakten oder Zusammenhänge. Der Fachbegriff im angloamerikanischen Sprachgebrauch für diesen Trend lautet „Truthiness“. Diese gesellschaftliche Tendenz halte ich für nicht unproblematisch und habe sie mir darum etwas genauer angesehen.

Meinung ist gut

Ich möchte auch nicht missvertanden werden: Eine Meinung zu den Dingen zu haben und sie gut und klug zu vertreten, ist ein hohes Gut in einer freiheitlichen Gesellschaft. Das gilt auch für Ansichten, die nicht dem Mainstream entsprechen und/oder manchmal vielleicht sogar unbequem sind. Ich bin nur immer wieder beeindruckt, wie schnell heute eine subjektive Expertise entsteht – und mit welcher Vehemenz sie auch gegen gute Argumente verteidigt wird.

Die Hintergründe

Sicher ist, dass das Internet Meinungsbildung enorm beflügelt hat: Hier kommen wir so leicht und schnell an Informationen wie nie zuvor und diese Informationen sind oftmals so geschickt emotional aufbereitet, dass sie unsere Instinkte um ein Vielfaches stärker ansprechen als unseren Verstand.

Ein Beispiel:

Rührende Einzelschicksale schwerkranker Tiere nehmen in den sozialen Medien einen breiten Raum ein und tragen so deutlich mehr zur Meinungsbildung bei als Tausende von Tieren gesellschaftlich allgemein anerkannter Hunderassen, die seit Jahrzehnten still und unerkannt vor sich hinleiden, weil wir uns an ihren Anblick, ihr Schnaufen beim Ringen nach Luft und vieles mehr gewöhnt haben. Sichtbare Wunden und dick rot entzündete geschwollene Körper kommen anders bei uns an als ein in den Genen versteckt und für uns unsichtbar lauernder früher Tod. Spektakuläre Negativ-Schlagzeilen verbreiten sich schneller und leichter als Bilder unauffälliger gesunder Tiere. denen durch gut durchdachte Zucht lebenslanges Leid durch Qualzucht und Inzuchtdepression erspart blieb.

Dank KI werden die uns angebotenen Informationen durch ausgeklügelte und lernfähige Logarithmen so vorsortiert, dass sie unser bereits vorhandenes persönliches Weltbild immer exakter zurückspiegeln und bestätigen. Diese selektive Wahrnehmung kann zur Zementierung von Weltbildern führen.

Schuld an dem Phänomen ist das Internet jedoch nicht, es verstärkt es allenfalls. Die eigentlichen Gründe sind andere. Zwei davon halte ich für ganz bedeutsam.

1) Selbstüberschätzung

Der menschliche Geist ist wirklich genial. Denn dank unseres Geistes können wir prinzipiell kritisch denken, logisch schlussfolgern, rechnen, planen und uns in andere hineinfühlen. Aber eines konnten wir nie und können es nach wie vor nicht gut: Uns selbst einschätzen!

Ganz egal, ob es um unsere positiven Charaktereigenschaften, unsere Intelligenz und auch unsere sexuelle Ausstrahlungskraft geht: Wir liegen selten richtig. Ob wir uns dabei über- oder unterschätzen, hängt von verschiedenen Aspekten und ganz erheblich von unserer Persönlichkeit ab.

Solange man ganz ohne jedes Wissen ratlos vor einer Aufgabe steht, ist den meisten Menschen der eigene Mangel an Kompetenz klar ersichtlich. Hat man allerdings bereits etwas gelernt (z. B. durch fünfmaligen Besuch einer Hundeschule oder einschlägige Dikussionen in sozialen Netzwerken), können Erklärungen oder Lösungs­ansätze gefunden werden. Nur bemerkt man nicht unbedingt, dass diese der eigentlichen Komplexität einer Aufgabe nicht gerecht werden und fühlt sich darum seiner Sache oft zu sicher.

Dabei zeigt sich, dass häufig fundamentale Attributionsfehler eine Rolle spielen: Für eigene Schwächen suchen wir Entschuldigungen („Vor der anderen Supermarktkasse ist die Schlange immer kürzer!“) – Erfolge dagegen schreiben wir der eigenen Leistung zu. Bei der Bewertung anderer Personen ist es interessanterweise oft genau umgekehrt: Misserfolge werden auf Charakter- oder sonstige Fehler – gute Ergebnisse auf gnädige Prüfer/Ausstellungsrichter oder glückliche/günstige Umstände zurückgeführt.

Dazu kommt, dass das soziale Umfeld diese Fehleinschätzung manchmal durch fehlende Kritik oder Bestätigung verstärkt, denn Höflichkeit und Ehrlichkeit schließen einander oft aus – trotzdem nehmen wir ein Lob oft wörtlich (so die Psychologen).

Halbwissen, in Kombination mit wenig oder falschem Feedback, vermittelt den Betroffenen leider mehr Selbstsicherheit als wahres Wissen von Experten und die meisten Menschen sind sich daher ihrer verzerrten Selbstwahrnehmung nicht bewusst.

Das Problem: Wer sich für kompetent hält, sieht keinen Grund, etwas zu lernen oder sich zu verbessern!

Dabei zeigen verschiedene Studien, dass insbesondere narzisstische und – Achtung – ärgerlich-wütende Menschen ihre Intelligenz vergleichsweise stärker überschätzten. Bei ängstlichen oder introvertierten Menschen war es dagegen umgekehrt: Meist waren sie klüger, als sie dachten.

Diese Studien helfen uns, zumindest ein bisschen besser zu verstehen, warum nicht immer, aber oft gerade diejenigen Menschen sich selbst überschätzen, die besonders aggressiv und selbstsicher auftreten und warum gerade sie dadurch die sozialen Netzwerke häufig dominieren und ihr fehlerhaftes Halbwissen weiter verbreiten und potenzieren.

Doch diese Selbstüberschätzung allein macht den Trend noch nicht aus. Es kommt eine gesellschaftliche Entwicklung hinzu.

2) Statusdenken

Vielleicht erinnern Sie sich noch an den Werbespruch „mein Haus, mein Auto, meine Yacht“ – die klassischen Statussymbole also.

Diese Art von Statussymbolen ist heute weitestgehend überholt und wurde von anderen abgelöst, die heißen: „mein Wissen, mein Können, mein Lifestyle“.

Wer hat sich nicht selbst schon dabei ertappt, dass er Nachrichten aus einschlägigen Hundemagazinen zitiert hat, um für Aufsehen bei den Freunden am Stammtisch oder auf der Grillparty zu sorgen?

Wir sind alle nicht dagegen gefeit, gut dastehen zu wollen. Was aber im Rahmen des eigenen Freundeskreises vielleicht noch okay ist, kann auf einer größeren Bühne (z. B. einer Konferenz oder Versammlung eines Zuchtvereines mit wichtigen und zukunftsbestimmenden Entscheidungen) schnell gefährlich werden: wenn es nämlich nur noch um das Recht-Behalten einer einmal gefassten Meinung geht anstatt um die Sache. (Mut zur Lücke!) Wir verteidigen unser Halbwissen und gefühlte Wahrheiten bis aufs Messer. Denn die Jagd nach Status ist ein Grundbedürfnis und berührt eben heute auch unsere Meinungsbildung.

Die Nahrungskette lautet: Status frisst Sachlichkeit.

Die Lösung sind kritische Fragen an uns selbst

Um von unserem eingebildeten Expertenross herunterzukommen, brauchen wir manchmal im Leben eine Überprüfung und Neu-Justierung um wieder zu wissen, wo wir tatsächlich stehen und damit wir vernünftige Diskussionen führen und nach guten – gemeinsamen – Lösungen suchen können.

In Kommunikationstrainings verwendet man dafür gern die „Fragen an sich selbst“.

Vielleicht können diese auch Ihnen helfen, künftig dem Truthiness-Impuls nicht ins Messer zu laufen.und darum möchte ich Ihnen drei davon kurz vorstellen:

  1. Weiß ich wirklich so viel wie ich behaupte? Wirkliche Expertise braucht Zeit und Anstrengung. Vielleicht überschätze ich mein Wissen und sollte dann erst noch weitere Informationen und Argumente einholen.
  2. Könnte ich mich irren, obwohl ich so überzeugt von meiner Meinung bin? Welche Perspektiven übersehe ich möglicherweise mit meinem Tunnelblick? Selbstreflexion ist wichtig für jeden konstruktiven Diskussionsprozess. Alles andere ist Selbstüberschätzung.
  3. Bin ich geistig flexibel genug, meine Meinung ggf. zu ändern? Kann ich damit umgehen, wenn mir jemand mit guten Argumenten widerspricht? Oder neige ich dazu reflexartig mein Gegenüber als Person zu entwerten, weil ich Angst habe, meinen Status zu verlieren, wenn ich einen Fehler zugebe? Geht es mir in einer Diskussion um meinen Selbsterhalt / meine Selbstdarstellung und weniger um die Sache, sollte ich das Streitgespräch beenden.

Durch solche Fragen an uns selbst kommen wir störenden Impulsen zuvor. Dadurch gelangen wir zu einer guten Gesprächs- und Diskussionskultur, die frei ist von Selbstüberschätzung und Statusdenken. Wir schaffen es auf diese Weise, den anderen erst einmal zuzuhören, kompromissbereit zu bleiben und lernen, Irrtümer einzugestehen ohne Sorge zu haben, dass es gleich peinlich wird.

Ich bin davon überzeugt, dass wir auf diese Weise gemeinsam viel bessere Lösungen finden. Davon haben wir alle mehr als von „gefühltem“ Wissen, das wir dickköpfig und lautstark vertreten und keinen Millimeter mehr davon abrücken aus Angst unseren Status zu verlieren.